„Natürlich fühle ich mich wie ein Gewinner!“ Damit meint er die politische Absichtserklärung des dänischen Verkehrsministers Anfang Februar, in der dieser sich für einen Absenktunnel ausgesprochen hat.
„Ich bin sehr glücklich über diese Erklärung. Hätte der Minister eine Brücke favorisiert, hätte ich diese Entscheidung selbstverständlich auch respektiert. Eine Brücke ist ohne jeden Zweifel eine Skulptur und ein Wahrzeichen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass auch der Tunnel eine attraktive Lösung darstellt: Er wird nämlich die Schönheit der Natur hervorheben, indem er sie nicht verändert.“
Steen Lykke wusste schon mit vier Jahren, was er werden wollte: Ingenieur. Seine Eltern sahen ihn schon als leidenschaftlichen Brückenbauer. Eine weltrekordverdächtige Brücke hat er allerdings nie gebaut. Stattdessen errichtet er seit vielen Jahren einige der beeindruckendsten Tunnel der Welt.
Tatsächlich kam er eher zufällig zum Tunnelbau. Während des Baus der Öresundquerung war sein schwedisches Pendant für den auf der schwedischen Seite liegenden Brückenteil verantwortlich. Er selbst war für den Tunnel auf dänischer Seite zuständig. Damals war der Öresundtunnel der größte Absenktunnel, der jemals gebaut wurde. Später wiederholte er dieses Kunststück am Bosporus und schuf den bis heute tiefsten Absenktunnel der Welt – den türkischen Marmaray-Projekt-Tunnel unter dem Bosporus in Istanbul. Jetzt kann ein stolzer Steen Lykke mit Fug und Recht behaupten: „Mit dem Fehmarnbelttunnel sind aller guten Dinge drei!“
Während seiner mehr als 30-jährigen Tätigkeit als Tiefbauingenieur hat Steen Lykke mit Fachleuten aus aller Herren Länder zusammengearbeitet. Diese Erfahrungen sind ein sehr guter Ausgangspunkt für die Arbeit mit seinen deutschen Kollegen an der Fehmarnbeltquerung. Seine Erfahrungen mit der Zusammenarbeit über Kulturgrenzen hinweg fasst er folgendermaßen zusammen:
„Wichtig ist das Verständnis für die Arbeits- und Geschäftskultur anderer Menschen. Die Zusammenarbeit mit Menschen vieler Nationalitäten ist ausgesprochen inspirierend. Wenn aber doch einmal Probleme auftreten, liegt die Ursache dieser Probleme sehr oft im kulturellen Hintergrund.“
Zwischen Deutschen und Dänen sieht er einen großen Unterschied: Seiner Meinung nach sind Deutsche obrigkeitsgläubiger und regelverhafteter als Dänen. Steen Lykke meint aber auch, dass Deutsche sehr effektiv arbeiten. Demgegenüber sind Dänen weniger diszipliniert und strukturiert, stehen Regeln eher misstrauisch gegenüber, bringen immer wieder neue Ideen hervor und verteidigen diese bis zum bitteren Ende. Dieser Ansatz fördert allerdings die Kreativität. Kurzum: Jede Arbeitskultur hat ihre Vor- und Nachteile.
Er macht auch klar, dass er einen Tunnel nicht grundsätzlich einer Brücke vorzieht. Allerdings sei ein Tunnel unter dem Fehmarnbelt einfach die bessere Lösung:
„Normalerweise entscheidet man sich nur dann für einen Tunnel, wenn der Bau einer Brücke nicht möglich ist. In unserem Fall ist der Tunnel jedoch eine echte Alternative. Eine Brücke wäre nicht kostengünstiger als ein Tunnel. Außerdem verunstaltet ein Tunnel nicht die Landschaft.“
Hat er Verständnis für die Angst vieler Menschen, einen so langen Tunnel unter dem Meer zu passieren? „Dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber diese Angst ist unbegründet! Ein Tunnel kann so sicher gebaut werden, wie man es vernünftigerweise möchte. Hinzu kommt, dass ein moderner Tunnel mit einem ähnlichen Design wie dem des Fehmarnbelttunnels einer Brücke in puncto Sicherheit in nichts nachsteht.“
Bei einer offenen Straße oder einer Brücke können bei schlechten Witterungsverhältnissen viele Problemen auftreten. Das ist bei einem Tunnel nicht der Fall. Bei einem Unfall im Tunnel können Personen die Gefahrenzone schnell über die Notausgänge verlassen, die höchstens ungefähr 50 Meter von ihnen entfernt sind und zu einem vollständig abgetrennten Rettungskorridor führen.
Steen Lykke ist davon überzeugt, dass viele Menschen an einen Brand denken, wie er 1999 im Mont-Blanc-Tunnel aufgetreten ist oder wie er in vielen Katastrophenfilmen gezeigt wird. Aber die Sicherheitsstandards im Absenktunnel der Fehmarnbeltquerung wären sehr viel höher und würden derartige Katastrophen verhindern. Er fasst zusammen:
„Wir werden unser Bestes tun, damit Reisende diesen Tunnel als freundlich empfinden. Hierzu gehören helle Einfahrten und breite, ansprechend beleuchtete Röhren. Es gibt auch Menschen mit Höhenangst, die sich vor dem Überqueren einer hohen Brücke fürchten. Aber darüber spricht niemand. Aufgabe der Tunnelingenieure wird es sein, die Menschen in den nächsten Jahren davon zu überzeugen, dass die Sicherheit im Tunnel optimal ist!“
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