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Die Exotik der Nähe

Datum: 06.02.2012
Bald soll ein Tunnel die Insel Fehmarn mit dem dänischen Lolland verbinden. Darin liegen viele Potenziale für Wirtschaft, Kultur und Tourismus auf beiden Seiten des Fehmarnbelts. Man muss sie nur erkennen und entsprechend nutzen. Davon ist Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, überzeugt.

Herr Steinle, wann waren Sie das letzte Mal auf Fehmarn?

Steinle: Das war 2010, auf dem Weg in den Urlaub nach Dänemark.

Da haben Sie die Fähre benutzt. Ab 2020 soll ein Tunnel Fehmarn mit dem dänischen Lolland verbinden. Ein Großprojekt, das nicht bei jedermann auf Gegenliebe stößt. Es gibt Bürgerinitiativen von Bad Schwartau bis Puttgarden. Was regt die Menschen so auf?

Der Eingriff in die Natur ist das, was die Menschen am meisten erzürnt. Der Erhalt der Natur hat in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert. Das ist ein emotionales Thema mit fast religiösem Charakter. Und es mobilisiert die Leute zu protestieren. Nehmen Sie die Atomkraft: Nirgends wird der Ausstieg aus der Atomenergie so radikal vorangetrieben wie hierzulande. Nirgends wird aber auch der Bau eines Bahnhofs so vehement diskutiert wie in Deutschland.

Geht es dabei auch um die Angst vor Veränderung im Allgemeinen?

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Natürlich ist Veränderung für uns erst mal unbequem. Andererseits sind wir aber auch inkonsequent. Wir wollen stets die Vorzüge genießen, die Nachteile aber nicht in Kauf nehmen. Wie schon gesagt: Wir sind für die Energiewende, wollen aber selbst kein Windrad vor der Haustür.

Bei der geplanten Fehmarnbeltquerung geht es um etwas wesentlich Größeres. Die Erste Gouverneurin der Region Schonen in Schweden, Pia Kinhult, sagt, Wissenschaft und Mobilität werden sich stark entfalten und die Öresundregion viel näher an Hamburg heranrücken. Wird das so sein?  

Erstens setzen wir uns viel lieber ins Auto und fahren durch einen Tunnel, als dass wir auf eine Fähre umsteigen. Die Fähre kostet Zeit, man muss alles im Voraus planen. Verpasst man sie, hängt man fest. Durch die unterirdische Verbindung rücken die Länder allein zeitlich enger zusammen. Man wird viel schneller nach Kopenhagen kommen oder umgekehrt nach Hamburg. Durch schnelle Verkehrsverbindungen können auch Ideen viel schneller und besser transportiert werden, weil sie Menschen direkt austauschen können. Wissenschaft und Wirtschaft leben nun mal von neuen Ideen.

Wie kann die Region um den Fehmarnbelt davon profitieren?

Mobilität ist an sich schon ein Lebenskonzept. Wissensarbeiter und Geschäftsleute müssen mobil sein. Touristen sind es in der Ferienzeit. Während sie unterwegs sind und sich mit anderen treffen, essen und trinken sie, müssen vielleicht mal das Auto reparieren lassen oder sehen zufällig in einer Boutique etwas, das sie schon immer haben wollten. Sie geben schlicht Geld aus. Davon profitieren vor allem die Knotenpunkte solcher Regionen. Ein verkehrstechnisch gut erschlossener Standort zieht einen Rattenschwanz an Dienstleistungen nach sich.

Hört sich nach wirtschaftlicher Prosperität und mehr Arbeitsplätzen an ...   

Ja, warum soll etwa der deutsche Handwerker nicht seine Arbeit in Dänemark anbieten? Schließlich ist er bestens qualifiziert und seine Fähigkeiten werden auch im Ausland geschätzt. Andererseits könnte auch ein dänischer Saunabauer seine Dienste in der Region anbieten, wenn man nur zwei Autostunden entfernt ist. Das fängt vielleicht ganz klein an und weitet sich dann aus. Möglich ist auch, dass ein deutscher Bäcker eine Filiale in Dänemark aufmacht. Wenn erst mal mehr Deutsche dort arbeiten ...

Und welche Rolle wird der Tourismus spielen? Bislang haben sich weder Dänen noch Deutsche für die Region als Urlaubsziel interessiert: viel Gegend, nichts los.                                            

Vor allem jüngere Leute kennen die Region kaum, hat unsere Studie zur Trendanalyse Destination Fehmarnbelt ergeben. Ohne Kinder kommt kaum jemand auf die Idee, hier seinen Urlaub zu verbringen. Viele Befragte konnten auch gar nichts mit dem Begriff anfangen. Der ist noch viel zu unbekannt. Das muss aber nicht so bleiben. Kreativität ist gefragt. Der Fehmarbelt hätte durch die schnelle Verbindung mit Skandinavien beste Aussichten, zu einer Lern- und Entdeckungsregion zu werden. Man muss Angebote schaffen, etwa eine Kinder-Watt-Universität. Wassersport könnte stärker gefördert werden, der Wind ist hier ideal zum Surfen, Segeln oder Kiten. Man könnte Festivals in der Region ansiedeln. Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, Menschen sind bereit, dafür einen Umweg zu fahren oder sogar gezielt in die entlegendsten Gegenden zu kommen...

Analog zum Roskilde-Rock-Festival. Was könnte das sein?  

Nehmen wir das norwegische Tromsö. Da findet das nördlichste Filmfestival der Welt statt, direkt am Polarkreis. Eigentlich ist so etwas aufgrund der geografischen Lage zum Scheitern verurteilt. Aber jedes Jahr kommen die Leute scharenweise. Es kann aber auch etwas mit direktem Bezug zur Kulturlandschaft haben. In Schleswig-Holstein wurde dieses Jahr der erste Weltfischbrötchentag ausgerufen, mit Veranstaltungen entlang der Ostseeküste und war ein voller Erfolg. Da kamen die Menschen von weit her.

Sind nicht Land und Leute auf der dänischen und deutschen Seite sehr ähnlich? Würde da überhaupt ein Anreiz bestehen, beim jeweils anderen Urlaub zu machen?

Es gibt Ähnlichkeiten, aber auch große Unterschiede. Die Dänen gelten als offen, unbeschwert im Umgang – man duzt sich dort ja auch. Skandinavien hat grundsätzlich ein kinderfreundliches Image. Wir schätzen das einfache, stressfreie Leben in Dänemark, wenn wir den Sommer in einem schönen Ferienhaus verbringen...

Ikea-Katalog-Idylle als Freizeitkonzept?    

Ja, wir mögen das Ambiente, aber auch den klaren skandinavischen Stil in Mode und Architektur. Das passt zum Sommer und zu den Ferien. Dort werden jetzt auch immer häufiger so genannte „Open-House-Ferien“ praktiziert. Man bucht ein größeres Haus, in dem auch Gäste Platz haben. So trifft man sich den Sommer über mit Freunden und Familie. Alle bleiben ein paar Tage und reisen wieder ab, bevor es zu anstrengend für alle wird ... das könnte man auch auf der deutschen Seite als neue Urlaubsform etablieren.

Dänische Kultur für Deutschland. Schön. Und was können wir den Dänen bieten?  

Spa- und Wellness-Hotels. Die sind hier günstiger als auf der dänischen Seite. Durch die Nähe zum jeweils anderen Land und der schnellen Verbindung könnte man diesseits und jenseits der Meerenge Tages- und Wochenendausflügler gewinnen. Aber auch Geschäftsleute, die vom Business-Alltag Abstand bekommen und ein paar Stunden am Strand verbringen wollen.

Es würde also Sinn machen, beide Küstenregionen unterschiedlich zu vermarkten?

Beide Küstenregionen eint, dass man dort fabelhaften Aktivurlaub machen kann und den Kopf frei bekommt. Das ist das Verbindende. Doch aufgrund der Größe des Gebiets wäre eine komplett einheitliche Positionierung nicht vorteilhaft für den Tourismus. Menschen lieben Vielfalft und so lohnt es sich, auch die Unterschiede herauszuarbeiten. So würde ein Anreiz bestehen, künftig die feste Überquerung zu nutzen. Die jungen Deutschen könnten mal schnell ins hippe Kopenhagen, wo es im Übrigen auch hervorragende Restaurants gibt. Die gestressten jungen Dänen könnten zum Kurz-Wellness-Urlaub an die deutsche Ostseeküste kommen. Bei uns gäbe es vielleicht eine stärkere Fokussierung auf den Wassersport, auf der dänischen Seite würde man mehr den kinderfreundlichen Urlaub in den Vordergrund stellen."

Aber Ruhe und Naturverbundenheit wären schon die übergeordnete Idee, die beide Küstenregionen kennzeichnen würde?  

Zu still und ruhig sollte die Positionierung nicht sein. Aber ganz klar wäre das Konzept die Besinnung auf das Ursprüngliche. Naturverbundenheit mit regionalen Erlebnissen, regionaler Küche ist heute wieder attraktiv für sehr viele Menschen. Die Einfachheit und Überschaubarkeit erscheint viel erstrebenswerter als noch vor zehn Jahren. Da anzusetzen wäre der richtige Weg. Darin liegt die große Chance für die Region. Die Exotik der Nähe kann reizvoll sein – mit den richtigen Angeboten.

 

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